“Oft wünsche ich mir, ich wäre kein afrikanisches Mädchen, sondern eine britische Pfundmünze. Dann würde sich jeder freuen, mich zu sehen”. So beginnt “Little Bee”, der Roman des Briten Chris Cleave. Little Bee ist sechzehn, kommt aus Nigeria und hat die letzten zwei Jahre in einem britischen Abschiebegefängnis nahe London verbracht. Durch einen bürokratischen Zufall kommt sie eines Morgens frei. Ohne Papiere, ausgestattet nur mit einem makellosen, im Knast selbst gelernten BBC-Englisch, schlägt sie sich zu den einzigen Briten durch, die sie mit Namen kennt. Cleave, Guardian-Journalist und Schriftsteller, erzählt auf poetische und berührende Weise von der Verquickung zeitgenössischer Lebensläufe in einer globalisierten Welt, die scharf trennt zwischen Habenden und Nichthabenden. Auf der Sonnenseite, so scheint es zunächst, stehen Sarah und Andrew O´Rourke, er ein erfolgreicher Kolumnist, sie Chefredakteurin eines schrägen Modemagazins. Sie buchen aus einer Laune heraus (und weil die Tickets sie nichts kosten) einen Strandurlaub in Nigeria, um ihre kriselnde Ehe zu retten. An ebendiesem Strand, unweit ihres sicheren Hotels in der Nähe der Nigermündung, werden sie in eine Szene aberwitziger Brutalität verwickelt, die mit den  politischen Missständen im ölreichen Nigerdelta in Zusammenhang steht. Hier begegnen sie sich, das britische Erfolgspaar und Little Bee. Das Mädchen ist eine Überlebende der Gewaltexzesse im Ölfördergebiet und bleibt nach dieser Begegnung auf schicksalhafte Weise mit der bisher so vom Leben verwöhnten Sarah verbunden. Ist Menschlichkeit in unserer brutal auf Gewinnmaximierung basierenden Weltordnung möglich? Können wir uns über all die uns prägenden Gegensätze hinweg begegnen, können wir auch nur einen einzigen Menschen retten? Chris Cleave hat in britischen Abschiebegefängnissen recherchiert, er hat mit Flüchtlingen aus dem Nigerdelta gesprochen. Er erinnert uns durch seine Hauptfigur Sarah daran, dass wir als Schreibende, als Einzelne überhaupt, Verantwortung tragen, dass wir Missstände benennen und unterdrückten Menschen eine Stimme geben können. Er beschönigt nichts, aber sein Menschenbild erlaubt Hoffnung. 2011 erstmals auf Deutsch und 2012 in einer Taschenbuchausgabe bei dtv erschienen, hielt sich “Little Bee” monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ich kann es  unbedingt empfehlen, trotz Bestellerstatus und dem Sog des Durchlesens-in-einer-Nacht genügt es auch meinen sprachmäkeligen Ansprüchen voll und ganz. Schon einmal ist Chris Cleave ein politisch relevanter Bestseller gelungen: “Lieber Osama“, Cleaves´ in schnoddrigem Ton geschriebener Briefroman über den damals fieberhaft gesuchten Al-Qaida-Chef, in dem ein Terroranschlag im Arsenal-Stadion vorkommt, kam ausgerechnet am Tag der Londoner Terroranschläge von 2005 in die Buchläden (und erschien auf Deutsch 2006). Die Groteske wurde ein durchschlagender Erfolg, auch wenn die Werbeplakate für das Buch in London unter dem Schock der realen Anschäge  sofort abgehängt wurden. Ein politisch hellwacher Autor, der die weltweite Beachtung mehr als verdient hat.

 


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