Gestern bei der Lesung von David Grossmann, “Aus der Zeit fallen”: Schreiben als Überleben, als “Kartografieren” des Exils, das die Trauer bedeutet: Der Trauernde ist aus der Zeit gefallen, auf eine Insel geschleudert worden, wo ihn die Schwere des Verlusts zu erdrücken droht. Grossmann führt uns so nah an das klaffende Loch heran, dass ich es in der letzten Bank im schönen Rolf-Liebermann-Studio kaum aushalte; im Gespräch mit Gabriele von Arnim benutzt er häufig die Vokabel: Präzision. Und: relevant. Keine vorgefertigten Trauer-Versatzstücke, sondern seine eigenen, notwendigen Worte will er hinschreiben, trotz allem, denn der Schmerz soll ihn nicht bezwingen; Grossmann wehrt sich dagegen, ein Opfer seiner Trauer zu bleiben. Schreibend kämpft er sich zurück ins Leben. Auch um die Erinnerung (an den getöteten Sohn) vom Schmerz zu trennen; Grossmann sinngemäß: “Wenn ich dem Schmerz der Erinnerung ausweiche, weiche ich der Erinnerung überhaupt aus und töte so meinen Sohn noch einmal”. Obwohl bei mir alles atmend in den Betten liegt, werde ich von der so präzise freigelegten Trauer Grossmanns überwältigt. Ähnlich mitgenommen war ich von der Lektüre des Romans “Eine Frau flieht vor einer Nachricht”. Das Buch habe ich damals erlitten wie eine Krankheit – packend, lautet die zurechtliegende Worthülse, ja, das Buch hatte mich existenziell im Griff. Und so ergriffen haben mich gestern Abend die trauernden Stimmen der Eltern, die auf dem Weg nach “dort” sind, um ihren verlorenen Kindern noch etwas zuzurufen … an der Grenze des Erträglichen. Und sehr präzise. Und notwendig. Und die Welt stand still, für diesen Moment.


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