Wie läuft denn eigentlich der Weltroman – ein Erfahrungsbericht

Eins. Du hast ein Buch geschrieben. Lange gebraucht, ein paar Stipendien aufgegessen, eine Agentur mit der Verlagssuche beschäftigt. Du bist bereit, deinen Teil zu tun, damit das Buch unter die Leute kommt. Einige Verlage sind auch wirklich interessiert.

Zwei. Du bist jemand, der Bücher herumträgt, liest, liebt, überall aufstapelt und manchmal sogar streichelt. Im technischen Leben bist du das Gegenteil eines early adopter: Du trägst die alten Tchibo-Handys deiner Patchworkkinder auf und hast noch nie geskypt. Nachdem sich kein Verlag für deinen Roman gefunden hat – wir schreiben in schwierigen Zeiten – entschließt du dich, für dieses Mal unter die Selfpublisher zu gehen. Es als E-Book zu machen. Die Amazon-Plattform verstehst sogar du. Du nimmst die Produktionsmittel selbst in die Hand. Das fühlt sich gut an.

Drei. Professionell soll es sein. Sich auf würdevolle Art von Schund und Schublade unterscheiden. Du hast eine Lektorin, eine Grafikerin, eine Fotografin und einen Social-Media-Berater beschäftigt. Ein paar Abende, und dein Buch ist im Shop. „Weltroman“ heißt es nun. Über den Einzelnen in der globalisierten Welt, seine begrenzte Wahrnehmung, über die größten Städte der Welt und verlassene Landstriche hier bei uns. Es ist schön geworden, findest du, und überall auf der Welt kann man den Weltroman von Tanja Schwarz als E-Book kaufen.

Vier. Denen hast du es gezeigt, denkst du, und dass die Elfenbeintürme an der Pappelallee und sonstwo ruhig umkippen oder in der Flut fröhlichen Wildwuchses untergehen sollen. Deinetwegen kann sie Amazon fressen. (Wenn dein nächstes Manuskript fertig ist, wirst du wahrscheinlich wieder ankommen. Dann kannst du nur hoffen, dass sie nicht nachtragend sind. )

Fünf. Jetzt kommt der Job, auf den du am wenigsten vorbereitet bist. Du warst es gewohnt, auf einem Schwarzweißfoto möglichst interessant zu gucken und um den Rest kümmern sich die netten Ladies vom Verlag.

Sechs. Du lernst Facebook und hast bald tausend Freunde. Trittst weiteren drei bis fünf Netzwerken bei, die du dann aber nie aufsuchst. Legst dir ein Blog zu, versuchst ein möglichst vielfältig verwobenes Gespinst aus Kontakten zu knüpfen. Stellst fest, dass du nur eine gewisse Dosis solcher Aktivitäten verträgst. Du wolltest doch eigentlich schreiben.

Sieben. Die beste Idee in diesem Zusammenhang stammt von Kerstin Carlstedt. Die hat sich gerade mit ihrer Interview Lounge eine ganz neue Sache im Internet ausgedacht, Interviews mit Autoren, Buchtipps und Trailerfilme über Bücher. Das macht man jetzt. Sie hat dich schnell überzeugt.

Kerstin schickt dir Interviewfragen, ein paar Links zu anderen Trailern (so vielleicht? Und so sicher nicht!), du überlegst dir Drehorte und suchst Textstellen heraus, die du vorlesen wirst. Ihr seid gut vorbereitet und doch offen für Überraschungen. Ein Auto, zwei Ladies und eine Kamera. Das mit dem Film beschreibst du wie folgt:

Acht. Die Billstraße in Rothenburgsort, internationale Import-/Exportmeile nicht weit vom Gewirr des Hamburger Hafens. Viel Naher Osten, viel Afrika. Wir suchen und finden Schauplätze fast wie aus dem Roman, den Welthandel oder die Kehrseite davon, die großflächigen Lager und Industriehöfe, die Sammelstellen für Wohlstandsschrott, unsere alten Dieselbusse, Krankenwagen und Klamotten, auch Krücken, Teppichrollen, Matratzen. Dazwischen Läden mit lichtorgelnder Neuware, Riesenglotzen, elektrische Reiskocher, Klapphandys.  Westafrikanische und libanesische Geschäftsleute prägen das Straßenbild, hier kannst du, wenn du etwa einen günstigen Kühlschrank suchst, auch schnell einen finden, einen, der irgendwo von der Palette gerutscht ist, ein erstaunliches Teil der Effizienzklasse AAA plus, das Stück steht in einem vollgerammelten Schuppen, originalverpackt, aber leider ohne Betriebsanleitung und Griffe. Musste halt schnell gehen. Die Waren hier, ob es die verfleckten Matratzen sind oder ein stapelfähiger Klumpen Fahrräder,  wandfüllende Flachbildschirme oder diese neuen, nicht ganz kompletten Kühlschränke, gehen hier pro Tonne, pro Pritschenladung oder im Dutzend weg. Man kann sich denken, dass da zwei Frauen mit E-Book-Dummy und Kamera mehr auffallen als ein Gebrauchtwarenkönig mit blauem Anzug und drei Golduhren. Und dass in dieser Gegend wenig Interesse an Kamerapräsenz besteht, schon eher der nicht vorhandene Film herausgerissen wird und die Kamerafrau (so sie vorher nicht höflich gefragt hat) mit Prügel bedroht. Das Fragen aber bringt auch nichts. Schön wäre das hier, am Rand des Treibens auf der roten Kunstledergarnitur vor dem Altautohof sitzen, den Weltroman in die Kamera halten und die Lagos-Passage lesen. Aber Chef ist nicht da, nirgends, nichts zu machen. Kerstin schaltet um auf schnellen Durchmarsch, ganz unerschrockene Reporterin mit der Handkamera. Wir gehen weiter die Billstraße abwärts, mir bricht der Schweiß aus. Schon schießt ein aufgebrachter Nigerianer aus dem Imbissladen heraus, spießt Kerstin mit Blicken auf, was ist dein Problem, ich esse hier friedlich, und was machst du? Filmst mich? Hast du mich vorher gefragt? Machst du das immer so? Wir rennen beinahe zum Auto. Jetzt machen wir die Kamerafahrt doch lieber motoristiert. Tempo 10 mit Objektiv zum Seitenfenster raus, auch auffällig, aber quasi schon auf der Flucht.

Neun. Lesung auf dem Sonnendeck gegenüber den Landungsbrücken. Dann runter, Docks, Kräne, dümpelnde Pontons. Aber wir suchen ja nicht primär Hamburg, sondern unsere Verbindung zur Welt.

Zehn. Zwar hat sich vorab kein Kontakt zu den großen Frachtern herstellen lassen, zu zögerlich reagierten Grimaldi und die Port Authority. Wir fahren heute einfach hin, zu den RoRo-Anlegern, wo die Exporteure aus der Billstraße ihre Ware anliefern. Wir enden vor einer Art Mautstation. So sympathisch-studentisch wir auch dreinblicken, in den Security-Bereich dringen wir nicht vor, kein Filmbild aus der Nähe von den Gebrauchtwagenhalden und den offenen Laderäumen der Frachtschiffe. Dafür ist die Umgebung auch schon toll, Güterloks, rasende Pritschenwagen und im Hintergrund das Auf und Ab der Kräne und rasenden Stapler.

Elf. Die beiden Jungs aus der Logistik, die an der Leitplanke lehnen, zwischen Frikadellenimbiss und Zufahrt zum Unikai. Im Hintergrund scheppert der Warenumschlag im großen Stil. Einer kaut Wurstbrot und trägt ein funky T-Shirt, der andere ist bereit, den Weltroman-Dummy in die Hand zu nehmen. Ja, er lese gern, sagt er in die Kamera, der Weltroman ist super und er werde ihn auf jeden Fall seiner Frau schenken, zu Weihnachten. Wir freuen uns. Der Filmausschnitt wird später zum Teaser, ein, wie wir finden, witziger Vorgeschmack auf den Film.

Zwölf. Würden Sie sich beim nächsten Mal wieder so viel Arbeit machen, Frau Carlstedt? Ein Drehtag unterwegs im Auto, herumgurken auf der Elbchaussee, an den Landungsbrücken, auf der Veddel, im Hafen. Die Vorbereitung nicht mitgerechnet. Ein paar kleine Pannen beim Dreh, die man kaum vermeiden kann, und daraus folgende Notwendigkeit, Teile zu wiederholen. Auskoppeln des Teasers als Vorgeschmack auf den Trailer. Sichten einer ersten Schnittfassung zusammen mit der Autorin, Ändern nach deren Wünschen. Zweite Fassung, mit Musik und vielen Schnittbildern. Technische Einrichtung für youtube und die Plattform Interview-Lounge.tv. Promotion, taktisch gewählter Filmstart vor dem Feiertag am 3. Oktober. Erheblicher Aufwand bei äußerst mäßigem Honorar. Wird sie uns bald verraten, wofür sie das macht? Die Interview-Lounge jedenfalls wächst und gedeiht.

Dreizehn. Hat sich der Trailerfilm denn für Sie gelohnt, Frau Schwarz? Auf jeden Fall! Als E-Book-Autorin bewegst du dich auf komplett neuem Terrain. Das Feuilleton reicht da nicht hin, die Printpresse kriegt von deinem Werk nichts mit bzw. hat kaum Anlass, darüber zu berichten. Du hast am Ende eine Rezension auf einer Literaturplattform im Internet, eine Weblesung, die sich potenzielle Leser anhören können, ein paar Veranstaltungen, die das Publikum live erreichen, ein Radiointerview und eben deine eigene Promotion auf Facebook. Auf einen professionellen Trailer verweisen zu können, öffnet dir Türen und Publikumsgruppen, die sonst einfach nichts von dir und deinem Werk erfahren würden. Die Weiten des Netzes sind unendlich, dein Buch verschwindet und ward niemals wieder gelesen. Der Film schafft einen Anlass, dich und dein Buch ins Gespräch zu bringen. Er zieht im Netz eigene Kreise, erreicht (zumindest potenziell)  ein film- oder allgemein an Kultur interessiertes Publikum; er kann auf Plattformen stehen, die eben solche Trailer zeigen, er darf bei Wettbewerben mitmachen (es gibt z.B. einen Webvideopreis), er hilft dir likes und shares einzusammeln – du hast gelernt, in dieser Währung zu rechnen. Allgemein erhöht ein Trailer den traffic rund um dein E-Book. Zahlt es sich auch real aus, einen Trailer zu machen? – Schwer zu sagen, ich habe ja einen. Seine Präsenz als Ausgleich für den Mangel an Physis bei einem  E-Book kommt mir wichtig vor. Der Rubel rollt sacht, aber er tut es.

Vierzehn. Und sonst? Wenn der größte Teil deiner literarischen Aktivitäten im Internet stattfindet, gewinnt das Ereignis in Echtzeit an Bedeutung. Eine Lesung aus dem China-Teil des Weltromans fand in Zusammenarbeit mit dem DJ-Kollektiv „Neue Musik aus China“ statt, die rauhe, punkige Indiemusik aus den Metropolen am Jangtse spielen. Bei der nächsten Veranstaltung – es gab Passagen aus Lagos – kochte der nigerianische Koch aus Billstedt eine westafrikanische Pepper-Soup (nur echt mit Knochen!), deren deftige Schwaden durch den Buchladen zogen. Dazu gab es Atmo aus Straßengeräuschen und Fotos. Was kommt als nächstes?  Vielleicht schaffe ich es doch noch aufs Frachtschiff. Oder in den Bunker, denn davon stehen hier ja genug.


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One Response to Selfpublishing im Selbstversuch – Würden Sie wieder einen Buchtrailer machen, Frau Schwarz?

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